Ausstellungen 2026
22. Mai 2026- 06. September 2026
LU YANG: THE DOKU TRILOGY
Lu Yangs fortlaufende Videotrilogie DOKU untersucht die Auflösung des Selbst im Verhältnis zu digitalen, biologischen und spirituellen Systemen. In den drei Teilen DOKU The Self (2022), DOKU The Flow, (2024) und DOKU The Creator (2025) setzt der chinesische Künstler (*1984 in Shanghai, lebt zwischen Shanghai und Tokio) Videospielästhetik, Motion-Capture-Technologie und buddhistische Philosophie ein, um zu hinterfragen, wo Identität denn verortet sein kann, wenn das Bewusstsein dargestellt, reproduziert und endlos wiedergeboren werden kann. In der Trilogie erlebt und bewohnt ein Avatar – basierend auf dem Erscheinungsbild von Lu Yang – verschiedene Realitäten, die vom Alltäglichen bis ins völlig Fantastische reichen. Inspiriert von Konzepten des Yogācāra-Buddhismus – besonders von der Vorstellung eines ālayavijñāna („Speicherbewusstseins“) – stellt Lu Yang DOKU nicht als stabile Figur dar, sondern als flackerndes Geflecht aus Daten, Neuronen und spirituellen Konzepten. Insgesamt fragt die Trilogie, ob das Selbst, wenn es erst einmal in genetischen Code, Gehirnaktivität und algorithmisches Verhalten zerlegt worden ist, überhaupt existiert, oder ob es lediglich als unbeständige Muster fortbesteht, die sich durch biologische und digitale Netzwerke bewegen.
Während Vienna Digital Cultures 2026 unter dem Thema „Alone or Together?“ Formen digital vermittelten Zusammenseins und Individualität diskutiert, stellt Lu Yangs DOKU-Trilogie eine grundlegendere Frage, nämlich: ob das Individuum, das dieses Verbinden oder Sich-Zurückziehen ausführt, überhaupt ein kohärentes Individuum ist. Wenn das Selbst keine stabile Einheit i,st, sondern nur aus Daten, Neuronen und karmischen Rückständen besteht, beginnt sich der Gegensatz zwischen Allein- und Zusammensein schon an seinem Ursprung aufzulösen: Man kann weder allein noch zusammen sein, wenn es überhaupt kein feststehendes „Du“ gibt.
Hier treffen buddhistisches Denken und digitale Kultur mit überraschender Wucht aufeinander: Das Konzept des ālayavijñāna – eines Speicherbewusstseins, das während eines ganzen Lebens Eindrücke anhäuft, ohne eine feststehende Seele zu sein – bietet einen vormodernen Ansatz, der in unserem Zeitalter der bleibenden Datenspuren, des Verhaltensprofilings und des digitalen Nachlebens plötzlich von Neuem lesbar erscheint. Der DOKU-Avatar, zwar im Aussehen Lu Yang selbst nachempfunden, aber nicht an einen einzelnen Körper oder Moment gebunden, verkörpert eben jenen Zustand, den das Festival untersuchen möchte: den eines unaufhörlichen Kreisens; sichtbar, aber schwer zu fassen; präsent, aber nicht wirklich verortbar. In diesem Sinne weist die DOKU-Trilogie darauf hin, dass das, was die Technologie heute neu, fremd und sonderbar erscheinen lässt, von gewissen philosophischen Traditionen vielleicht schon die ganze Zeit verstanden wurde.
Lu Yang (*1984 in Shanghai, lebt zwischen Shanghai und Tokio) ist ein chinesischer Künstler, dessen 3D-Animationen und Installationen grundlegende Fragen zu Körper und Bewusstsein, Spiritualität und Wissenschaft sowie den Grenzen des Menschseins untersuchen. Lu Yang erlangte internationale Bekannheit durch Präsentationen, under anderem, auf der Biennale di Venezia, bei Times Square Arts (New York), in der Julia Stoschek Foundation (Düsseldorf), im Centre Pompidou (Paris), in der Fondation Louis Vuitton (Paris), im New Museum (New York), im Hamburger Bahnhof (Berlin), im Mori Art Museum (Tokio), in der Kunsthalle Basel, im Fridericianum (Kassel) und im Ullens Center for Contemporary Art (Beijing) und ist in bedeutenden internationalen Sammlungen vertreten. 2022 wurde Lu Yang von der Deutsche Bank als „Artist of the Year“ ausgezeichnet.
22. Mai 2026- 06. September 2026
FABIAN KNECHT: LACHEN IST VERDÄCHTIG (2022–)
Ein Netz aus Stoffstreifen – zerschlissen, erdig grün in der Farbe, durchsetzt von improvisierten Knoten: Auf den ersten Blick erscheint Fabian Knechts Installation Lachen ist verdächtig (2022–) abstrakt. Tatsächlich trägt dieses Werk jedoch eine größtenteils unbemerkte Form des zivilen ukrainischen Widerstands ins FOTO ARSENAL WIEN: Seit dem Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 sind handgeknotete Tarnnetze in der Ukraine zu einer der verbreitetsten Formen zivilen Widerstands geworden, machen sie doch Fahrzeuge und Stellungen für bewaffnete Drohnen unsichtbar. Knecht sammelte die Netze bei insgesamt 19 humanitären Missionen in die Ukraine; er tauschte sie jeweils an Ort und Stelle gegen professionelle Militärtarnnetze ein. Die improvisierten Netze stammen aus fast allen Regionen des Landes und sind ganz unterschiedlich, was Farben, Knüpfdichte, Muster, Struktur und Material betrifft. Zusammen installiert, bilden sie ein dichtes räumliches und optisches Feld, das Fürsorge, Widerstandskraft und die fließenden Grenzen zwischen zivilem Leben und Krieg thematisiert. Durch seine Ausstellung im FOTO ARSENAL WIEN erhält das Werk noch eine zusätzliche Dimension: Auf dem Gelände des Arsenal-Komplexes, der von militärischen Relikten geprägt ist, hängt das Stoffnetz vor der Kulisse stofflicher Zeugnisse vergangener Kriege, um die Gegenwart zu kommentieren. Es zeigt, wie der Widerstand gegen digitale Kriegsführung nicht nur durch neue Waffen, sondern auch durch kollektive (analoge) Anstrengungen ausgeübt wird.
Fabian Knecht (*1980 in Magdeburg, lebt und arbeitet in Berlin) ist ein deutscher Künstler, der mit radikalen Eingriffen in Raum und Alltag Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, soziale Normen und Machtstrukturen hinterfragt. Knecht studierte an der Universität der Künste Berlin, dem Institut für Raumexperimente und am California Institute of the Arts. Seine Werke wurden weltweilt ausgestellt, u. a. im MSU Museum For Contemporary Art (Zagreb), in der Neuen Nationalgalerie (Berlin), im Imperial War Museum (London), der Akademie der Künste (Berlin) sowie der Kunsthalle Mannheim.